Verteidigung und Diplomatie: Deutschland vollzieht einen großen Kurswechsel

Die russische Invasion in der Ukraine ist dabei, Deutschland in beschleunigtem Tempo zu verändern, indem alle Sperren niedergerissen werden, die seine Verteidigungs- und Diplomatiepolitik bisher umrahmt haben.

• Lesen Sie auch: [EN DIRECT] Die Gewalt in der Ukraine geht weiter: Bleiben Sie dran

• Lesen Sie auch: Putin kündigt an, Russlands „Abschreckungskräfte“ zu warnen

• Lesen Sie auch: Checkpoints und Ausgangssperren: Kiew tritt in seinen neuen Alltag ein

Die deutsche Mobilisierung gegen den Krieg in der Ukraine hat in den letzten Tagen zu zahlreichen Demonstrationen geführt, insbesondere in Berlin, wo die Organisatoren am Sonntag nach Angaben der Polizei mindestens 100.000 Menschen mobilisiert haben.

„Die Welt ist mit dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine in eine neue Ära eingetreten“, sagte Bundeskanzler Olaf Scholz und kündigte vor der Versammlung der Abgeordneten eine starke Erhöhung seiner Militärausgaben in den kommenden Jahren an am Sonntag in Sitzung ausstehend.

„Die Welt danach ist nicht mehr dieselbe wie die Welt davor“, betonte er und versprach auch die sofortige Freigabe von 100 Milliarden Euro zur Modernisierung seiner notorisch unterbesetzten Armee.

„Von nun an werden wir Jahr für Jahr mehr als 2 % unseres Bruttoinlandsprodukts in unsere Verteidigung investieren“, erklärte er und übertraf damit das Ziel der NATO-Staaten, nämlich 2 % des nationalen BIP anzustreben.

Berlin ist dazu sogar bereit, seine Schulden zu erhöhen.

Noch deutlicher räumt Diplomatiechefin Annalena Baerbock ein, dass Deutschland „mit einer gewissen und einsamen Form der Zurückhaltung in seiner Außen- und Sicherheitspolitik verstößt“.

„nackte“ Soldaten

„Wenn unsere Welt anders ist, muss auch unsere Politik anders sein“, betonte er.

Die Regierung von Olaf Scholz, die erst seit knapp drei Monaten im Amt ist, vollzieht sicherlich große Veränderungen in einem Land, das seit dem Ende des Kalten Krieges seine Armee stark verkleinert hat und sich in den letzten Jahren nur schleppend eingemischt hat. Das Bekenntnis der Atlantischen Allianz zu Militärausgaben zieht regelmäßig den Zorn der Vereinigten Staaten auf sich.

Seit der Wiedervereinigung des Landes 1990 ist die Stärke der Bundeswehr von rund 500.000 auf heute nur noch 200.000 gesunken.

Auf die Ausrüstungsengpässe der Bundeswehr wird seit Jahren immer wieder wegen unzureichender Investitionen hingewiesen.

Der Oberbefehlshaber des Heeres, Alfons Mais, sorgte am Donnerstag sogar für Aufsehen, als er versicherte, die Bundeswehr sei „mehr oder weniger nackt“.

Doch die Invasion der Ukraine hat in einem Land, in dem der Pazifismus seit der Schuld und den Schrecken des Nationalsozialismus tief in der Gesellschaft verwurzelt ist und das sich zu seinem Schutz stark auf das Militär der Vereinigten Staaten verlässt, wie ein elektrischer Schock gewirkt.

Vor allem die Grünen sind Partner in der Herrendreierkoalition. Scholz hat mit Sozialdemokraten und Liberalen eine lange Antimilitarismus-Tradition.

Berlin hatte am Samstag einer Lieferung von Waffen an die Ukraine zugestimmt, nachdem es sich trotz wachsender Ablehnung in den vergangenen Wochen vor allem aus EU-Anrainerstaaten lange geweigert hatte.

Russlands Gasabhängigkeit

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, der sich bei diesem in der deutschen Meinung hochsensiblen Thema seiner Kritik an Berlin nicht entziehen konnte, begrüßte diese Entscheidung und forderte Bundeskanzler Olaf Scholz sogar auf, in einer „Antikriegskoalition so weiterzumachen“.

Berlin genehmigte die Lieferung von 1.400 Panzerabwehrraketenwerfern, 500 Stinger-Boden-Luft-Raketen und 9 Haubitzen nach Kiew.

Seit dem Zweiten Weltkrieg weigert sich Deutschland mit wenigen Ausnahmen, „tödliche“ Waffen in Konfliktgebiete zu schicken.

Diese Position ist seit dem Ausbruch der Invasion in der Ukraine am Donnerstag jedoch zunehmend politisch weniger haltbar geworden.

Andererseits hat die Bundesregierung endlich den Ausschluss russischer Banken von der Swift-Interbankenplattform akzeptiert, einem wichtigen Rädchen im globalen Finanzwesen.

Berlin befürchtet bisher Sanktionen gegen Lieferungen von russischem Gas, Öl und Kohle, auf die das Land zum Heizen angewiesen ist.

Aber auch dort ist die Position Deutschlands schiefgegangen, insbesondere in Polen und der Ukraine.

Berlin kündigte am Dienstag auch die Sperrung der Pharaonenbaustelle von der Gaspipeline Nord Stream 2 an, mit der es seine Energiewende vollenden soll.

Lora Kaiser

"Unternehmer. Preisgekrönter Kommunikator. Autor. Social-Media-Spezialist. Leidenschaftlicher Zombie-Praktiker."

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert