Russische Aggression gegen die Ukraine: Was hat eine Wende in der deutschen Politik erzwungen | Deutschland | DW

Wiederbewaffnung

Jahrzehntelang hatte das Wort „Aufrüstung“ in Deutschland einen sehr negativen Beigeschmack. Wer sich darauf einließ, galt als Kriegstreiber. Das hat sich in wenigen Tagen geändert. Beschwerden von Bundeswehrbeamten über ihre schlechte Ausrüstung wurden nicht gehört. Daran erinnerte Heeresinspekteur Alfons Mais schon früh im Krieg gegen die Ukraine: „Die Bundeswehr war mehr oder weniger nackt.“ Es wird jetzt aktualisiert, und zwar massiv. Die Streitkräfte werden mit einem „Sonderfonds in Höhe von 100.000 Millionen Euro modernisiert.

Neuausrichtung der Bundeswehr

Nach dem Afghanistan-Einsatz rückte die Bundeswehr in immer weiter vom eigenen Territorium entfernte Einsatzgebiete vor, während Deutschland selbst als sicher geglaubt wurde. Nachdem der Afghanistan-Einsatz nun ein halbes Jahr Geschichte ist, zeichnet sich auch das Ende des Mali-Einsatzes ab, während das NATO-Territorium und vielleicht sogar Deutschland selbst unmittelbar bedroht zu sein scheinen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die eigentliche Landesverteidigung, das ursprüngliche Ziel der Bundeswehr, wieder im Vordergrund steht.

Verteidigungsausgaben

Die Verteidigungsausgaben werden dauerhaft steigen. Die NATO-Staaten haben sich jeweils das Ziel gesetzt, zwei Prozent ihres BIP für die Verteidigung auszugeben. Deutschland liegt mit rund 1,5 % weit darunter. Vor allem die SPD, die Grünen und die Linke haben das Zwei-Prozent-Ziel stets abgelehnt. Aber in der aktuellen Situation hat Bundeskanzler Olaf Scholz angekündigt, dass Deutschland „von nun an – Jahr für Jahr – mehr als zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts in unsere Verteidigung investieren wird“.

Waffen für die Ukraine

Deutsche Waffenlieferungen in Konfliktgebiete sind tabu, vor allem für die Grünen, die seit jeher für eine restriktive Rüstungsexportpolitik eintreten. Bis vor wenigen Tagen wartete die Bundesregierung noch auf das Angebot von 5.000 Stahlhelmen. Derzeit werden Waffen an die Ukraine geliefert, darunter 1.000 Panzerabwehrkanonen und 500 Flugabwehrraketen. „Auf Putins Aggression gibt es keine andere Antwort“, sagte Bundeskanzler Scholz. Und Grünen-Außenministerin Annalena Baerbock betonte im Bundestag, dass die Ukraine trotz aller weiterhin notwendigen Zurückhaltung in der Rüstungsexportpolitik „nicht wehrlos gegenüber einem Angreifer stehen dürfe, der Tod und Zerstörung über das Land bringt.

Energiepolitik: Verringerung der Abhängigkeit von russischem Öl und Gas

Mehr als die Hälfte der deutschen Erdgasimporte und mehr als 40 % der deutschen Erdölimporte stammen aus Russland. Beides wird stark reduziert. Aber es braucht Zeit. Schließlich will die Bundesregierung die Erneuerbaren Energien deutlich ausbauen, gleichzeitig aber Kohle- und Atomkraftwerke auslaufen lassen. Das Problem: Wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint, sollen neue Gaskraftwerke die Energielücke füllen. Um beim Gas weniger abhängig von Russland zu sein, werden nun maritime Terminals für Flüssiggas, etwa aus den USA, gebaut.

Deutschland will Energieabhängigkeit von Russland reduzieren: Planung eines Flüssiggasterminals in Brunsbüttel.

Deutschland will Energieabhängigkeit von Russland reduzieren: Planung eines Flüssiggasterminals in Brunsbüttel.

Darüber hinaus erwägt die Regierung, Kernkraftwerke und einige Kohlekraftwerke länger als geplant in Betrieb zu halten. Für die Grünen ist das sehr bitter, denn sie wollen so schnell wie möglich Atomkraft und Kohle abschaffen. Aber „kein Gedanke ist tabu“, sagte Grünen-Wirtschaftsminister Robert Habeck.

mehr Schulden

Die Aufrüstung, aber auch die Neuordnung der Energiepolitik wird viel Geld kosten, das der Bundeshaushalt nicht bereitstellt. Deshalb muss der Bund mehr Schulden aufnehmen. Gleichzeitig hat Deutschland große Kredite aufgenommen, um die durch die Pandemie verursachten wirtschaftlichen Schäden aufzufangen. Tatsächlich verteidigt Finanzminister Christian Lindner diese Politik nun. Als Oppositionspolitiker hat er immer eine solide Haushaltspolitik gefordert; jetzt sieht er keine andere Wahl, als eine neue Rekordsumme an Schulden aufzunehmen.

Willkommen bei ukrainischen Flüchtlingen

Bei der Aufnahme von Flüchtlingen wird sich in Deutschland relativ wenig ändern. Denn während der massiven Flüchtlingsbewegung seit 2015, insbesondere aus Bürgerkriegsländern wie Syrien, hat Deutschland mit seiner Großzügigkeit Maßstäbe gesetzt, obwohl es auch im In- und Ausland großen Widerstand gegeben hat. Dieses Mal hat sich Innenministerin Nancy Faeser mit ihren Kollegen in der gesamten Europäischen Union darauf geeinigt, die Aufnahme ukrainischer Flüchtlinge zu erleichtern. „Flüchtlinge aus der Ukraine müssen kein Asylverfahren durchlaufen. Sie genießen bis zu drei Jahre Schutz in der EU“, sagte Faeser.

(ho/äh)

Friederic Beck

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