Immer mehr türkische Staatsbürger fliehen nach Deutschland – DW – 11.10.2022

An der deutschen Grenze werden immer mehr türkische Migranten und Menschenschmuggler festgenommen. Dies bestätigen auch Daten der Bundespolizei.

In den ersten neun Monaten dieses Jahres nahm die deutsche Polizei 5.362 Türken fest, die versuchten, illegal in das Land einzureisen. Diese Zahl erreichte im vergangenen Jahr 2.531. Und das waren 1.629 Menschen im Jahr 2020, als der Reiseverkehr aufgrund der Pandemie eingeschränkt war.

Auch weitere türkische Menschenhändler wurden festgenommen. Die Migranten selbst geben an, über die Balkanroute nach Deutschland gelangt zu sein. Die Reisekosten schwanken zwischen 6.000 und 8.000 Euro pro Person. Warum nehmen immer mehr Menschen diese gefährliche Reise auf sich? Türkei?

wachsende Unterdrückung

Seit einem Jahr verschlechtert sich die politische und wirtschaftliche Lage in der Türkei rapide. Die Regierungsmehrheit hat kürzlich im Parlament a Gesetz, das eine Strafe von bis zu drei Jahren Gefängnis für die Verbreitung „falscher“ oder „irreführender“ Nachrichten vorsieht. Es ist die regierungsnahe Generalstaatsanwaltschaft, die bestimmt, wann eine Geschichte diese Merkmale aufweist. Für seine Kritiker ist das Gesetz ein weiterer Versuch, die Meinungs- und Pressefreiheit zu untergraben.

Auch regierungsferne Gewerkschaften geraten zunehmend unter Druck. Ende Oktober wurde der Präsident der türkischen Ärztekammer, Sebnem Korur Fincanci, unter dem Vorwurf terroristischer Propaganda festgenommen. Der Ärzteverband prangert Menschenrechtsverletzungen an und übt offene Kritik an der Regierung.

Andererseits erschwert die Inflationsrate auch das Leben der Menschen. Nach offiziellen Angaben stieg sie im Oktober auf 85,5 Prozent. Laut ENAG, einer unabhängigen wissenschaftlichen Gruppe, liegt dieser Wert sogar bei 185 Prozent. Die Kaufkraft nimmt ab und viele sind trotz Arbeit nicht in der Lage, ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen.

Besonders unter jungen Menschen herrscht Frust. Eine aktuelle Studie ergab, dass mehr als 71 Prozent der Menschen im Alter zwischen 17 und 30 Jahren in ihrem Land keine Zukunft sehen. Fast 85 Prozent von ihnen sind bereit, auf ein Leben im Ausland zu verzichten, wenn sie können.

Asylantrag

Der zunehmende Zustrom von Migranten aus der Türkei spiegelt sich auch in der Statistik der Asylanträge wider. Nach Angaben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) haben zwischen Januar und Oktober 2022 fast 16.000 Türken Asyl beantragt. Das ist ein Anstieg von 175,7 Prozent. Nach Syrien und Afghanistan liegt die Türkei als Herkunftsland für Flüchtlinge in Deutschland an dritter Stelle.

Für Clara Bünger, eine Parlamentsabgeordnete aus La Izquierda, die die Angelegenheit verfolgt, ist das Geschehen nicht überraschend. Ihm zufolge ist die Abwanderung aus der Türkei ein Zeichen dafür, dass sich die politische Lage dort verschlechtert. Er stellte fest, dass die Unterdrückung von Oppositionellen zunimmt und die Situation insbesondere für die Kurden immer gefährlicher wird.

(ers/cp)

Friederic Beck

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