Eine Atemwegserkrankung macht Deutschlands Kinderklinik nervös

Das in Deutschland zirkulierende Respiratory-Syncytial-Virus (RSV) befällt vor allem Kinder und führt zur Überfüllung von Krankenhäusern. „Es gibt keine Kapazitäten, und wir müssen sicherstellen, dass in dieser Zeit kein Kind stirbt“, sagte die Kinderärztin zu ihrer dringenden Herzoperation. Ein anderes Kind reiste 150 Kilometer, um über Nacht von einem Krankenhaus in Hannover in ein anderes in Magdeburg verlegt zu werden, weil alle Betten belegt waren – und die 21 umliegenden Krankenhäuser keine hatten. Und es gibt immer noch Hunderte von Kindern, die an der Rezeption übernachten und dann nach Hause gehen. Oder sie werden auf einer Normalstation behandelt, obwohl sie längst auf der Intensivstation hätten liegen sollen.




Intensivpfleger in einem Krankenhaus in Stuttgart: Das Kind wird beatmet, weil es mit RSV infiziert ist

Intensivpfleger in einem Krankenhaus in Stuttgart: Das Kind wird beatmet, weil es mit RSV infiziert ist

Bildrechte: DW/Deutsche Welle

„Kinder sterben, weil wir sie nicht mehr versorgen können“, warnt Michael Sasse, Kinderintensivarzt an der Medizinischen Hochschule Hannover, mit Blick auf die desaströse Situation, in der sich Deutschlands Kinderkliniken befinden.

Auch der Kinderarzt der Charité in Berlin, Mehrak Yoosefi, verwendet harte Worte, um die Realität zu beschreiben. „Alle Kinderkliniken sind 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche geöffnet [para dar conta da demanda]🇧🇷 Es gibt keine Kapazität und wir können den Service nicht mehr garantieren. Wir müssen dafür sorgen, dass in dieser Zeit kein Kind stirbt.“

VSR ist besonders gefährlich für Kleinkinder

In Deutschland ist der Dezember die Hochsaison für Erkältungsviren. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI), der staatlichen Behörde für die Bekämpfung und Prävention von Infektionskrankheiten, leidet derzeit fast jeder zehnte Mensch in Deutschland an einer Atemwegserkrankung – das sind fast neun Millionen Menschen.

Viren sind bei Kindern im Alter von fünf bis 14 Jahren sehr verbreitet. Und das Respiratory Syncytial Virus (RSV) ist besonders gefährlich für Kinder und vor allem Babys: Es greift die Atemwege an und kann schwere Fälle verursachen, die sogar eine künstliche Beatmung erfordern.

Dass das Virus Deutschland derzeit hart trifft, hat mit der Coronavirus-Pandemie zu tun. Aufgrund von Gesichtsmaskenpflichten und Lockdowns erkranken Kleinkinder seltener an RSV – und jetzt, mit der Lockerung der Gesichtsmaskenregeln in Deutschland, fangen sie die Krankheit an. Und das hat gravierende Folgen für das ohnehin überforderte deutsche Gesundheitssystem.

Yosefi sagte, dass einige Kinder wegen fehlender Betten nicht aufgenommen werden könnten. „Einige von ihnen können keine mechanische Beatmung erhalten, weil die Ausrüstung zur Überwachung der Sauerstoffsättigung unzureichend ist. Dies sind Kinder, die möglicherweise aufgehört haben zu atmen“, sagte er. „Die Kinder wurden entlassen und vorzeitig von der Intensivstation auf die Regelstationen verlegt.“

Es gibt kaum noch freie Krankenhausbetten

Eine Umfrage der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) ergab, dass bundesweit die Hälfte der Krankenhäuser die Aufnahme auf Kinderintensivstationen ablehnen musste.

Und von 110 Kinderkliniken haben derzeit 43 kein einziges freies Bett auf den Stationen. Außerdem stehen auf der Kinderintensivstation zwar ausreichend Betten zur Verfügung, jedoch sind aufgrund von Personalmangel fast 40 % unbenutzbar. „Wir waren völlig überfordert“, sagte Yosefi, Kinderarzt an der Charité. „Alle Stationen sind unterbesetzt, um das schiere Arbeitsvolumen zu bewältigen.“

Trotz der dramatischen Lage rechnen deutsche Kinderkliniken mit Vorfreude auf den Winter. Im Januar warnten Mehrak Yoosefi und die Children’s Hospital Initiative – eine Gruppe von Kinderärzten in der deutschen Hauptstadt – die Politik.

Eine Reaktion der Behörden erfolgte jedoch nicht. Ein zweiter Brief an die Berliner Gesundheitsstaatssekretärin Ulrike Gote und Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach wurde im September versandt. „Wir haben mit dieser Welle gerechnet. Und jetzt ist die Enttäuschung natürlich riesig, denn es ist viel schlimmer gekommen, als wir erwartet hatten.“

300 Millionen Euro für Kinderkliniken in den nächsten zwei Jahren

Die Politik hat für diesen Winter zu spät reagiert. Der Bundestag hat ein Gesetzespaket verabschiedet, das mehr Geld in die Kassen von Kinderkrankenhäusern spülen wird.

In den Jahren 2023 und 2024 sollen jährlich zusätzlich 300 Millionen Euro an die Krankenhäuser überwiesen werden, plus weitere 120 Millionen Euro für die Geburtshilfestationen. Doch Yosefi widersprach dem Vorschlag von Gesundheitsminister Karl Lauterbach, die aktuelle Krise zu bewältigen: Mitarbeiter von anderen Stationen versetzen und in ein Kinderkrankenhaus schicken.

„Auf dem Papier ist es tatsächlich möglich, Personal von einem Ort zum anderen zu versetzen. Aber woher kommen diese Leute? Die anderen Stationen haben kein überschüssiges Personal, das einfach versetzt werden kann“, sagte Yosefi. „Außerdem ist die Pädiatrie ein Fachgebiet für sich: Ärzte, die mit Erwachsenen arbeiten, fühlen sich nicht sicher genug, um mit Kindern zu arbeiten.“

Nachteile des Unterrichtens allgemeiner Krankenpflege

Das Bundesfamilienministerium kündigte an, dass die Pflegeausbildung ab dem 1. Januar 2020 moderner und attraktiver werden solle. Knapp drei Jahre später erkannten Kinderkliniken jedoch diese allgemeine Pflegeausbildung, mit der Fachkräfte auch in allen Altersgruppen und Bereichen arbeiten können Nachteile hat.

Professor Jörg Dötsch, Direktor der Kinderklinik am Universitätsklinikum Köln und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, erklärt, dass die Behörden vor einigen Jahren entschieden haben, die Pflegeausbildung an die europäische Praxis anzupassen.

„Hoffentlich können sich einige dieser Leute auf Kinderkrankenpflege spezialisieren“, sagte er. „Das Problem ist, dass der Anteil derjenigen, die sich spezialisieren, sehr gering ist. Noch kritischer ist vielleicht, dass diese Spezialisierungen nicht in allen Bundesländern angeboten werden.“

Ebenso wie erwachsene Krankenschwestern haben viele Krankenschwestern in Kinderkrankenhäusern ihre Arbeit während und nach der Coronavirus-Pandemie aufgegeben. Früher hat eine Krankenschwester 30 oder 40 Jahre gearbeitet. Heute scheiden diese Profis nach acht oder neun Jahren aus dem Beruf aus, stellt Dötsch fest. Ich meine, diese Menschen fehlen jetzt, um Kinder und Jugendliche optimal zu betreuen. „Uns fehlt qualifiziertes Personal, deshalb können wir nicht alle Betten betreiben.“

Feste Entschädigung für die Gesundheitsversorgung, insbesondere für Kinderkrankenhäuser

Und dann ist da noch die sogenannte Fallpauschale, die kopfzerbrechende Festvergütung des Staates – vor allem an Kinderkliniken. Seit 2004 werden Krankenhausleistungen nach der gestellten Diagnose bezahlt – und nicht nach tatsächlichem Mitarbeiteraufwand und Zeitaufwand.

Während ein Bluttest bei einem Erwachsenen nur wenige Minuten dauert, kann die Blutentnahme bei einem kleinen Kind und das Erklären von Fragen an die Eltern eine halbe Stunde dauern. „Man braucht viel Aufwand und Zeit, denn Kinder, Jugendliche und ihre Eltern brauchen ganz unterschiedliche Betreuungsebenen“, sagt Dötsch.

Gesundheitsminister Karl Lauterbach kündigte jedoch an, dass die medizinische Notwendigkeit und nicht wirtschaftliche Zwänge in Zukunft die Hauptstütze der Behandlung von Patienten in Krankenhäusern sein müssen. Feste Vergütungen für die Gesundheitsversorgung werden jedoch bald der Vergangenheit angehören. Mehrak Yosefi, Kinderarzt aus Berlin, kann es kaum erwarten. „Kinderheilkunde kann nicht mit einem festen Honorar vereinbart werden. Es muss andere Formen der Vergütung geben“, schloss er.

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Ricarda Lange

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