Deutschrap: Warum Ferris MC nie die Anerkennung bekommt, die er verdient

EEs war später Nachmittag, die Sonne über Düsseldorf war noch nicht wie üblich untergegangen und im Ratinger Hof zeigten sich Dinge, die auf den ersten Blick unpassend wirkten. Vor dem Club stand ein Mann, der ein schwarzes, bauchlanges Gewand, ein Lippenpiercing und eine Bierdose in der Hand trug. Auf ihren Shirts standen Aufschriften wie „Demolition, Anarchy, Riots and Remmidemme“ oder „666“ und ältere Hoodie-Träger servierten ihnen weite, altersgerechte Jeans und Armstulpen. Der Geruch von Unkraut war überall. New-School-Punkrock trifft auf coolen alten deutschen Rap. Für seine sogenannte Zeitreise wählte Ferris MC an diesem Samstagabend im Frühsommer einen ganz besonderen Veranstaltungsort.

Der Ratinger Hof in der Düsseldorfer Altstadt, in dem er auftreten wird, hat zumindest aus popkultureller Sicht mindestens so viel Geschichte wie Ferris MC selbst. Irgendwie anders. Ratinger Hof ist die Essenz der deutschen Punk-Bewegung und Ferris MC, er ist eine Art Vorbild des modernen deutschen Rap. Das sagte niemand und weil niemand die Pionierarbeit von Ferris MC für den deutschen Hip-Hop wirklich schätzte, interessierte sich Ferris MC nicht mehr für deutschen Hip-Hop und machte in Zukunft lieber Punk. Das ist natürlich eine Vereinfachung.

Das Problem ist aber, dass Ferris MC eigentlich nicht mehr Ferris MC sein will. Dies ist nicht das erste Mal, dass dies passiert. Er hat den Deutschrap zweimal verlassen. Das erste Mal war eine Reihe unglücklicher Umstände. Ferris MC, der zusammen mit FlowinImmo Anfang der 1990er Jahre das anarcho-drogengetriebene radikale Rap-Projekt „Freaks Association Bremen“ gründete, ist einer der Pioniere der deutschen Rap-Szene; sie sind die radikalsten Vertreter der sogenannten Klasse; 95, Künstler unterschiedlicher Herkunft, die laut Fachpresse die Zukunft des Genres sind.

FAB lösten sich bald auf und Ferris MC bekam einen großen Vertrag und veröffentlichte 1999 „Asimetry“, eines der radikalsten Alben, die damals im deutschen Mainstream-Rap veröffentlicht wurden. Auch mit der weniger radikalen Single „Reimemonster“ gelang ihm gemeinsam mit Afrob ein echter Erfolg, der bis heute zu den Klassikern des Genres zählt. Heutzutage wird erwartet, dass Ferris MC das nächste große Ding sein wird. Für das nächste Album „Fertich!“ (2001) drehte er für die erste Single „Flash For Ferris MC“ ein Musikvideo, das das damalige Budget für ein Musikvideo überstieg. Es wird erwartet, dass dieser Song ein großer Hit wird.

Hier finden Sie Inhalte von YouTube

Zur Darstellung eingebetteter Inhalte ist Ihre widerrufliche Einwilligung zur Übermittlung und Verarbeitung personenbezogener Daten erforderlich, da der Anbieter der eingebetteten Inhalte als Drittanbieter diese Einwilligung benötigt. [In diesem Zusammenhang können auch Nutzungsprofile (u.a. auf Basis von Cookie-IDs) gebildet und angereichert werden, auch außerhalb des EWR]. Indem Sie den Schalter auf „Ein“ stellen, erklären Sie sich damit einverstanden (jederzeit kündbar). Dazu gehört auch Ihre Einwilligung zur Übermittlung bestimmter personenbezogener Daten in Drittländer, einschließlich der USA, gemäß Art. 49 Abs. 1 lit. a DSGVO. Weitere Informationen hierzu finden Sie hier. Sie können Ihre Einwilligung jederzeit über den Datenschutz-Button am Ende der Seite widerrufen.

Aber es kam anders. Weil der 11. September 2001 passiert ist. Das Video war fertig, aber VIVA und MTV zeigten das teure Weltraumabenteuer nicht. Dies ist nicht die Zeit, solche Videos zu machen; sie wollen ruhige, nachdenkliche Musik im Programm. Die Single ging komplett verloren. Tausende Jahre später steckt er immer noch in einer schwierigen Situation mit seiner Plattenfirma, weil er das nötige Geld für den sehr teuren Video-Flop nicht zurückbekommen hat. Zwei Alben später war Ferris MC zu Gast bei VIVA, er sollte seine neue Single performen, aber seine Stimme entsprach nicht seinen Vorstellungen und er bekam einen Wutanfall, leider war die Show live und der Ausschnitt wurde zur Musik. Fernsehgeschichte. Seitdem interessiert sich VIVA nicht mehr für Ferris. Das Video dreht sich überhaupt nicht mehr. Er wusste, dass seine Karriere vorbei war und zog 2004 die Konsequenzen und verließ den Deutschrap.

Tolle linksradikale Scheiße für kryptokapitalistische Punks

Ferris MC wandte sich der Elektronik zu, arbeitete als DJ und wurde schließlich von Deichkind gefragt, ob er Teil der Gruppe sein wollte. Das passt perfekt zu Ferris‘ verrücktem Anarcho-Crossover-Image. Mit Deichkind verkaufte er Hunderttausende CDs. Und da haben Sie es: Riesenerfolg. Doch 2015 erholte er sich und startete seine Solokarriere neu. Seitdem ist Ferris als Forscher tätig. Auf dem Album „Glück ohne Scherben“ covert er alte deutsche Rap-Klassiker, experimentiert dann mit Rock, dann experimentiert er noch einmal mit elektronischen Einflüssen. Ein Jahr später fühlte er sich aufgrund verbaler Auseinandersetzungen mit Kollegah und Farid Bang dazu berufen, ihnen ein weiteres klassisches Battle-Rap-Album zu widmen.

Aber er fühlte sich dabei unwohl. Er beschloss, den Deutschrap wieder zu verlassen, produzierte zunächst ein Gitarrenalbum mit der Alternative-Rock-Gruppe Madsen und unterschrieb schließlich bei „Missglückte Welt“, einem Label aus der Schweiz & die Andern, die selbst aus dem Mitteldeutschen Rap kamen, jetzt aber puren Punkrock machen. Musikalisch repräsentiert der Kosmos „Missglückte Welt“ die heißen radikalen und linken Dinge, die kryptokapitalistische Punks, verwöhnt von Melodien, die sich aber dennoch vom Mainstream abheben wollen, gerne in der Öffentlichkeit tun. Ferris hat seinen neuen Stil gefunden. Und es hat perfekt gepasst.

Hier finden Sie Inhalte von YouTube

Zur Darstellung eingebetteter Inhalte ist Ihre widerrufliche Einwilligung zur Übermittlung und Verarbeitung personenbezogener Daten erforderlich, da der Anbieter der eingebetteten Inhalte als Drittanbieter diese Einwilligung benötigt. [In diesem Zusammenhang können auch Nutzungsprofile (u.a. auf Basis von Cookie-IDs) gebildet und angereichert werden, auch außerhalb des EWR]. Indem Sie den Schalter auf „Ein“ stellen, erklären Sie sich damit einverstanden (jederzeit kündbar). Dazu gehört auch Ihre Einwilligung zur Übermittlung bestimmter personenbezogener Daten in Drittländer, einschließlich der USA, gemäß Art. 49 Abs. 1 lit. a DSGVO. Weitere Informationen hierzu finden Sie hier. Sie können Ihre Einwilligung jederzeit über den Datenschutz-Button am Ende der Seite widerrufen.

Hier fand er sich musikalisch wieder, nachdem er zuvor etwas in der Jugendbegeisterung für Deutschrap versunken war. Kein Wunder, dass er lange umherwanderte. Ferris bekam nie die Anerkennung, die er verdiente, aber das ist auch nicht überraschend. Im Gegensatz zur Rockkultur gilt im Hip Hop das Prinzip des Massenmordes; wir geben nicht auf; Auf den Schultern von RiesenAber er besiegt lieber Riesen, was bedeutet, dass es nur wenige Old-School-Legenden gibt, die von der breiten Öffentlichkeit anerkannt werden.

Ferris gehört zur ersten Generation der deutschen Rap-Pioniere, die diesen Status ohne Bedenken und Zögern verdient. Die Liste dessen, was er geplant hat, ist einfach unglaublich. Lange vor dem Erfolg von Aggro Berlin entwickelte Ferris eine Topographie marginaler sozialer Schichten als zentralen autobiografischen Anker seiner Arbeit. Er verlieh den Ausgegrenzten, den Vernachlässigten, den Bücherwürmern eine Stimme in einer Szene, die bis dahin in Form, Ästhetik und Ausdruck noch von der bürgerlichen Haltung deutscher Mittelstandskinder geprägt war. Ferris war der erste, der seine spaltende Ästhetik so weit trieb, dass sie sich nicht nur in der musikalischen Form, sondern auch in seinem Lebensstil im Allgemeinen manifestierte.

Sein zweites Album trug logischerweise den Titel „Fertich! » und nicht nur ein Bild der gesellschaftlichen Situation in Deutschland im neuen Jahrtausend, sondern auch ein zutreffendes Bild des inneren und äußeren Wesens. Ferris war seinem öffentlichen Ansehen mindestens 20 Jahre voraus und seine eigene künstlerische Ästhetik befand sich, größtenteils drogenbedingt, im Niedergang; Er übertrug das, was nur in der Rockwelt bekannt war, auf den deutschen Hip Hop. Wer heute den überaus erfolgreichen T-Low betrachtet, findet im ästhetischen Gesamtkonzept eine jugendliche Inkarnation des alten Ferris. Wir könnten diese Liste ewig fortsetzen.

Ferris war der erste, der im deutschen Rap eine mit dem Mainstream kompatible Crossover-Form schuf. Ferris war der erste, der das Rhythmus- und Klanggerüst des noch sehr hermetischen Deutschraps mit Elektro verband. Ferris war der erste (auch halbberühmte) deutsche Rapper, der Horror machte, also die Prinzipien von Splatterfilmen in seine Lyrik übertrug. Das Kunstwerk von Ferris MC diente als Vorbild für vieles, was folgte. Schade, dass ihm dafür immer noch nicht genügend Anerkennung zuteil wird. Deshalb verstehen wir, dass er nun die Bühne verlässt.

Hier finden Sie Inhalte von YouTube

Zur Darstellung eingebetteter Inhalte ist Ihre widerrufliche Einwilligung zur Übermittlung und Verarbeitung personenbezogener Daten erforderlich, da der Anbieter der eingebetteten Inhalte als Drittanbieter diese Einwilligung benötigt. [In diesem Zusammenhang können auch Nutzungsprofile (u.a. auf Basis von Cookie-IDs) gebildet und angereichert werden, auch außerhalb des EWR]. Indem Sie den Schalter auf „Ein“ stellen, erklären Sie sich damit einverstanden (jederzeit kündbar). Dazu gehört auch Ihre Einwilligung zur Übermittlung bestimmter personenbezogener Daten in Drittländer, einschließlich der USA, gemäß Art. 49 Abs. 1 lit. a DSGVO. Weitere Informationen hierzu finden Sie hier. Sie können Ihre Einwilligung jederzeit über die Datenschutzschaltflächen und unten auf der Seite widerrufen.

Die Tour war, wie Ferris erklärt, ein langer Dankesbrief und dauerte mehrere Wochen. Doch heute präsentiert er als offensichtliches Abschiedsgeschenk sein (vorerst) letztes Deutschrap-Album mit dem Titel „Mortal Comeback“ und ist in seiner Gesamtform weniger ein Vermächtnis als vielmehr ein Status-Update eines Mannes, der etwas getan hat. Die gesamte Szene wurde schon oft gedreht, aber es gibt immer noch mehr als genug zu sagen. Das Album zeigt das Potenzial, das Ferris als MC noch hat, aber dieses möchte er zum jetzigen Zeitpunkt nicht weiter ausschöpfen.

Hier finden Sie Inhalte von YouTube

Zur Darstellung eingebetteter Inhalte ist Ihre widerrufliche Einwilligung zur Übermittlung und Verarbeitung personenbezogener Daten erforderlich, da der Anbieter der eingebetteten Inhalte als Drittanbieter diese Einwilligung benötigt. [In diesem Zusammenhang können auch Nutzungsprofile (u.a. auf Basis von Cookie-IDs) gebildet und angereichert werden, auch außerhalb des EWR]. Indem Sie den Schalter auf „Ein“ stellen, erklären Sie sich damit einverstanden (jederzeit kündbar). Dazu gehört auch Ihre Einwilligung zur Übermittlung bestimmter personenbezogener Daten in Drittländer, einschließlich der USA, gemäß Art. 49 Abs. 1 lit. a DSGVO. Weitere Informationen hierzu finden Sie hier. Sie können Ihre Einwilligung jederzeit über die Datenschutzschaltflächen und unten auf der Seite widerrufen.

Doch mit dem endgültigen Ende musste sich der MC noch nicht abfinden: Sein damaliges Abschiedsalbum trug den Titel „Maybe It Will Never Be Again Maybe“ und war damit Ausdruck des ewigen Zweifels, der letztlich zum Markenzeichen seines künstlerischen Stils wurde. Vielleicht nie wieder Ferris MC. Vielleicht irgendwann wieder.

#Deutschland #Rap #Warum #Ferris #nie #die #Anerkennung #bekommt, #die er #verdient
1717209207

Lora Kaiser

"Unternehmer. Preisgekrönter Kommunikator. Autor. Social-Media-Spezialist. Leidenschaftlicher Zombie-Praktiker."

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert