Melanie Arndt, Energiehistorikerin an der Universität Freiburg im Breisgau, diskutiert das problematische und oft paradoxe Verhältnis zwischen der deutschen Gesellschaft und Energie.
Mit dem Krieg in der Ukraine hat Deutschland die umweltschädlichen Kohlekraftwerke vorübergehend wieder in Betrieb genommen, sich aber nach April 2023 geweigert, Kernkraftwerke auszubauen. Was erklärt die Schwierigkeiten, ohne Kohle zu leben? ?
Was für ein Paradoxon, wenn wir an Treibhausgasemissionen denken. Wir müssen verstehen, dass Kohle in Deutschland seit langem eine sehr starke kulturelle und emotionale Dimension hat. Damit verbunden ist das Bild des Bergmanns, einer sehr positiven Figur in der kollektiven Vorstellung: ein Mensch, der einen ehrlichen Job hat, hart arbeitet, bereit ist, die Drecksarbeit zu erledigen und sein Leben zu riskieren, um mit seinen Händen zu suchen. wertvolle Energie. Politiker, Gewerkschaften und Lobbys haben diese Fantasie schon lange befeuert, so dass der Kohleausstieg nur sehr langsam vonstatten ging, obwohl seit Jahrzehnten klar ist, dass die Kohleförderung ohne Subventionen nicht rentabel wäre. Vergangenheit. Im Osten spielte die Bindung an die Kohle eine wichtige Rolle in der Nostalgie bestimmter Generationen nach der Deutschen Demokratischen Republik. All dies macht es schwierig, diese Energie auszustoßen, obwohl jedem klar ist, dass sie sehr umweltschädlich ist.
Warum ist die Umweltbewegung stärker gegen Atomkraft als gegen Kohle?
Die Atomkraft entwickelte sich in den 1950er Jahren in Deutschland, nahm jedoch nie den symbolischen Stellenwert der Kohle ein. Kernkraft ist die Energie qualifizierter Angestellter. In den 1970er Jahren entwickelten sich neue soziale Bewegungen – Umwelt-, Friedens- und Anti-Atomkraft-Bewegungen – und beeinflussten sich gegenseitig. Sie haben ihre Debatte auf die Angst vor Atomen, vor Krebs, vor radioaktivem Abfall und vor einem Atomkrieg gestützt. CO-Emissionen2 spielt dann in der Diskussion eine untergeordnete Rolle. Der Unfall von Tschernobyl im Jahr 1986 verstärkte viele dieser Bedenken, so dass die Energiedebatte nicht mehr in der Fachwelt geführt wurde. Die Idee, dass es alternative Energiequellen geben könnte, gab es von Anfang an. Viele der heute regierenden Ökologen und Sozialdemokraten haben ihre politischen Erfahrungen im Kampf gegen die Atomkraft gemacht oder sind zumindest in diesem Umfeld aufgewachsen.
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