Die Hälfte der jungen Deutschen weiß nicht genau, wann die Nazizeit war

Allerdings zeigt eine Studie der Universität Bielefeld unter 16- bis 25-Jährigen, dass sie sich im Durchschnitt stärker für das Thema interessieren als ältere Bevölkerungsgruppen: Weniger als die Hälfte der 16- bis 25-Jährigen in Deutschland kann die Zeit richtig benennen Naziregime im Land, heißt es in einer Studie der Universität Bielefeld, die am Dienstag (21.02.) veröffentlicht wurde.

Die Umfrage ergab auch, dass zwar mehr als die Hälfte der Jugendlichen mindestens drei Gruppen von Opfern des Nationalsozialismus kannte, aber jeder fünfte Befragte nur eine oder keine Gruppe nennen konnte.

Einige der Opfer sind sehr wenig bekannt. Weniger als die Hälfte der Befragten nannten beispielsweise Kranke und Behinderte und weniger als ein Drittel die nomadischen Volksgruppen Sinti und Roma (Zigeuner).

Fast 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs möchte die Universität die Wissenslücken junger Menschen über das NS-Regime und ihre Interessen daran verstehen, in einer Zeit, in der Deutschland vor neuen Herausforderungen steht – nur wenige Überlebende dürfen darüber berichten Gräueltaten des Nationalsozialismus und digitale Medien verwischen zunehmend die Grenze zwischen Fiktion und Realität.

starkes Interesse

Trotz dieser Ergebnisse macht die Recherche deutlich, dass junge Deutsche ein großes Interesse an der NS-Zeit, historischen Stätten und möglichen Verbindungen zwischen deutscher Geschichte und Gegenwart haben.

Laut der Studie „Memo“ war das Interesse der Jugendlichen an dem Thema im Durchschnitt größer als das der älteren Bevölkerungsgruppen: 63 % der jungen Erwachsenen gegenüber nur 53 % des Durchschnitts aller Altersgruppen gaben an, sich engagiert zu haben intensiv mit der Geschichte des Nationalsozialismus.

Ausschlaggebend für die Diskussion sind laut den Umfrageautoren der Bildungshintergrund selbst und die Eltern. Andere Faktoren wie Alter, Geschlecht und familiärer Hintergrund wirken sich in geringerem Maße aus. Die meisten, etwa drei Viertel der 16- bis 25-Jährigen, stellten die Bedeutung der Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus nicht in Frage.

„Jungen Erwachsenen wird oft vorgeworfen, an Geschichte und Politik desinteressiert zu sein. Unsere Forschung zeigt jedoch eine engagierte und interessierte Generation“, sagt einer der Autoren der Studie, Jonas Rees, vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld.

Gleichzeitig werden laut Rees „systematische Lücken in Bezug auf sehr grundlegende Kenntnisse historischer Fakten aufgedeckt“.

Für Rees zeigt die Bedeutung der Erinnerung an die Verbrechen der Nazis heute „nicht nur, woran wir uns kollektiv erinnern, sondern auch, was wir kollektiv vergessen“.

Was ist das Wichtigste

Untersuchungen zufolge ist es für die meisten Teenager und Jugendlichen wichtig, neue Fakten über den Nationalsozialismus zu erfahren (75 %) und historische Orte zu besuchen (51 %). Außerdem wünschen sich 48 %, dass die Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart auf pädagogische Weise hergestellt wird. Inhaltlich lag das größte Interesse an der sozialen Lage der NS-Verbrechen und den Rollen und Verantwortlichkeiten der deutschen Bevölkerung, die nicht hätten einbezogen werden sollen (35 %).

Die Mehrheit, rund 60 % der Befragten, antwortete, dass die Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte sie für Themen wie Ausgrenzung und Diskriminierung sensibilisiert habe.

Jeder Dritte gibt an, sich im Alltag zumindest teilweise diskriminiert zu fühlen. Dies gilt insbesondere für Jugendliche aus Migranten- und einkommensschwachen Familien sowie für Jugendliche, deren Eltern wenig gebildet sind. Darüber hinaus fühlen sich 44 % politisch unterrepräsentiert.

Sorgen um den sozialen Zusammenhalt

Die Mehrheit der befragten Jugendlichen macht sich Sorgen um den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland – rund ein Drittel von ihnen empfindet keinen Zusammenhalt in der Gesellschaft. Insbesondere junge Erwachsene, die sich intensiv mit der Geschichte des Nationalsozialismus auseinandergesetzt haben, berichten von einer stärkeren Auseinandersetzung mit aktuellen gesellschaftlichen Themen und Herausforderungen.

Im Allgemeinen war das Engagement der Jugendlichen unterschiedlich: Fast 40 % der Befragten gaben an, sich wenig oder gar nicht sozial zu engagieren. Etwa jeder Fünfte (21 %) gibt hingegen an, ein starkes persönliches Engagement zu haben.

Neben ihrem Engagement für den Klima- und Umweltschutz (43 %) gaben viele Befragte an, sich für die Bekämpfung von Rassismus, Diskriminierung und Ausgrenzung in der deutschen Gesellschaft einzusetzen (22 %).

Für die Memo-Studie wurden zwischen September und Oktober 2021 3.485 Jugendliche im Alter von 16 bis 25 Jahren und im September 2022 weitere 838 Teilnehmer online befragt. Die Umfrage wurde von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) gefördert.

„Wer um die Enteignung, Verfolgung und Vernichtung durch die Nationalsozialisten weiß, ist sensibler für die heutige Diskriminierung. Die Vermittlung von Geschichte ist ein Weg, Solidarität und Demokratie zu stärken“, sagt Andrea Despot, Vorstandsvorsitzende des EVZ.

„Wir brauchen ein interaktives und partizipatives Angebot für den Geschichtsunterricht – innerhalb und außerhalb der Schule“, fügte er hinzu.

Als politische Bewegung, die während des Ersten Weltkriegs entstand, regierte das Naziregime Deutschland seit Adolf Hitlers Machtergreifung im Jahr 1933 und dauerte bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1945 an.

Der Begriff ist eine Zusammenziehung des deutschen Wortes „Nationalsozialismus“. Diese antisemitische und antidemokratische ideologische Propaganda ist in Deutschland und in mehreren anderen Ländern verboten.

le/md (ots)



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Ricarda Lange

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