Arbeitskräftemangel im Land. Branchenverbände beklagen seit längerem Fachkräftemangel und das Arbeitsministerium weist darauf hin, dass Fachkräftemangel das Wirtschaftswachstum bremst.
Die Hauptvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände der Metallurgie- und Elektroindustrie, Gesamtmetall, teilte mit, dass bei zwei von fünf Unternehmen der Branche die Produktion aufgrund von Arbeitskräftemangel gefährdet sei. Dem Deutschen Handwerksverband (ZDH) zufolge fehlen dem Land etwa 250.000 qualifizierte Fachkräfte.
Die neue „Chancenkarte“, die Arbeitsminister Hubertus Heil kürzlich vorgestellt hat, will Ausländern die Einreise nach Deutschland auf der Suche nach freien Stellen erleichtern, auch wenn sie noch kein Stellenangebot haben.
Dazu müssen sie mindestens drei der folgenden vier Kriterien erfüllen:
1) Hochschulabschluss oder Berufsabschluss;
2) Mindestens dreijährige Berufserfahrung;
3) Sprachkenntnisse oder früherer Aufenthalt in Deutschland;
4) Unter 35 Jahre alt sein.
Aber Minister Heil sagte, es werde Grenzen und Auflagen geben. In einem Presseinterview betonte er, dass die Anzahl der Karten entsprechend dem von der Bundesregierung festgelegten Bedarf begrenzt werde.
„Es geht darum, in einem reibungslosen Verfahren geeignete Zuwanderer zu gewinnen. Daher ist es wichtig zu sagen: Wer die ‚Opportunity Card‘ hat, kann sich während seines Aufenthalts selbst versorgen“, sagte Heil am Mittwoch./09 dem öffentlich-rechtlichen Rundfunksender WDR.
„Gute Gelegenheit für Ausländer“
Sowmya Thyagarajan, die Indien 2016 verließ, um in Hamburg in Luftfahrttechnik zu promovieren, sieht einige der Veränderungen positiv. Derzeit leitet er sein eigenes Unternehmen in Deutschland, Foviatech, das Software entwickelt, um den Transport und das Gesundheitswesen zu optimieren.
„Ich denke, dieses Punktesystem kann eine großartige Chance für diejenigen sein, die aus dem Ausland kommen, um in Deutschland zu arbeiten“, sagte Thyagarajan im Gespräch mit der DW. „Vor allem wegen des Mangels an Nachwuchskräften in Deutschland.“
Bei der Einstellung bevorzugte das Unternehmen Thyagarajan deutsche und EU-Bürger, allein schon wegen der Bürokratie, die andere Nationalitäten mit sich brachte.
Zu den vier von der Regierung vorgegebenen Kriterien macht er einen Vorbehalt: Qualifikation und Sprachkenntnisse seien wichtig, andere Voraussetzungen aber nicht so praktikabel.
„Ich bin mir nicht sicher, ob es für Arbeitnehmer unter 35 Jahren sehr wichtig ist, weil sie nicht jung sein müssen. Qualifikation ist das Wichtigste“, sagte Thyagarajan.
Was die Mindesterfahrung von drei Jahren betrifft, ist er ebenfalls skeptisch, da das Studium teilweise schon die nötige Erfahrung vermittelt. „Für einige Positionen ist Erfahrung nicht erforderlich. Aber für andere ist Erfahrung wichtig.“
Neues Hindernis?
Aber es gibt auch Kritiker an der neuen „Chancenkarte“ von Minister Heil. „Dadurch entsteht ein riesiger unnötiger Engpass, der das System noch komplizierter macht“, sagt Holger Bonin, Forschungsleiter am Institut für Arbeitsmarktforschung (IZA) in Bonn.
Für Experten wird das Punktesystem nur noch bürokratischer. „Warum vereinfachen sie den Prozess nicht? Geben Sie den Menschen Visa, um Arbeit zu suchen, und wenn sie innerhalb einer bestimmten Zeit nichts finden, müssen sie das Land verlassen?“, fragte Bonin.
„Das Hinzufügen zusätzlicher Punkte macht die Sache komplizierter, und Arbeitgeber können entscheiden, ob diese Kriterien bei der Einstellung wichtig sind. Daher brauchen Fachkräfte keine Karte als Vorauswahl“, betonte er.
Bonin stimmt auch zu, dass einige Kriterien für Arbeitgeber in Deutschland möglicherweise nicht so wichtig sind. Beispielsweise spielt es für internationale Unternehmen – in denen Mitarbeiter hauptsächlich auf Englisch kommunizieren – keine Rolle, ob der Kandidat Deutsch spricht oder in Deutschland gelebt hat.
Kulturelle und strukturelle Fragen
Deutschland hat im Vergleich zu anderen westlichen Ländern, die Fachkräfte anziehen wollen, mehrere kulturelle Nachteile: Zum einen wird Deutsch weltweit weniger gesprochen als Englisch.
„Fachkräfte versuchen fast immer, in englischsprachige Länder zu ziehen“, sagte Thyagarajan. Bis zu einem gewissen Grad ist es wichtig [que nossos funcionários falem alemão], weil wir in Deutschland sind. Ich meine, es sind zumindest Grundkenntnisse erforderlich.“
Ein weiteres Problem besteht darin, dass deutsche Arbeitgeber traditionell mehr Wert auf Diplome und Qualifikationen legen und diese in Deutschland nicht immer anerkannt werden oder Monate dauern, bis sie im Land neu validiert werden. „Dieses Problem wird man nicht lösen, indem man ‚Chance Cards‘ macht“, sagt Bonin.
Es gibt noch andere systemische Probleme für deutsche Arbeitgeber: Kommunalbehörden verwenden unterschiedliche Parameter, um Diplome und Qualifikationen zu identifizieren; und Mitarbeiter müssen die Übersetzung von Diplomen weiterhin bei einem Notar beglaubigen lassen.
Minister Heil sagt, er wolle diese Bürokratie beenden. „Ich halte es für sehr, sehr notwendig, dass der Staat neben modernen Zuwanderungsgesetzen auch das Bürokratiemonster der Berufsanerkennung vereinfachen kann“, sagte Heil dem WDR.
Dazu wünsche er sich eine Bundesbehörde, die Zertifikate aus anderen Ländern schnell revalidieren könne, sowie ein Büro in Deutschland, das zu viele Konsulate im Ausland unterstützen könne.
Autor: Ben Ritter



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