Außenminister Olaf Scholz sprach von einer „Ära im Wandel“, seine Außenministerin Annalena Baerbock von einer „geopolitischen Zäsur“. Russische Angriffe auf die Ukraine, Bombenanschläge auf Häuser und Krankenhäuser, zerstörten von einem Tag auf den anderen das europäische Friedensgefüge.
Deutschland war von dieser Pause stark betroffen. Sowohl seine Politik als auch seine Gesellschaft haben weitgehend aufgehört, militärisch und geostrategisch zu denken. „Deutschland fühlt sich zu Hause“ in „einer Zeit des Idealismus“, sagte Nathalie Tocci, Beraterin der ehemaligen EU-Außenbeauftragten Federica Mogherini. Bis Wladimir Putin ihn plötzlich mit seinem Krieg wachrüttelte.
Die Bundesregierung hat im vergangenen Jahr in ihrem Koalitionsvertrag angekündigt, erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland eine „Nationale Sicherheitsstrategie“ vorzulegen. Jetzt führt der Krieg dazu, das Gaspedal zu drücken.
Verteidigungsfähigkeit
Baerbock sprach ungewöhnliche Worte, vor allem von einem Außenminister der Grünen mit pazifistischer Tradition. Immer wieder sprach er von der „Verteidigungsfähigkeit“, die für Sicherheit sorge. Der Krieg in der Ukraine habe gezeigt, „wieder einmal, dass Sicherheit von der Nato abhängt“ und Deutschland bereit sei, in diesem Rahmen mehr Verantwortung zu übernehmen.
Das impliziert seiner Meinung nach höhere Verteidigungskosten, wie Scholz ankündigte, der der Bundeswehr 100 Milliarden Euro zukommen lassen will. Sie schlägt sich aber auch in der geplanten Anschaffung von US-Kampfflugzeugen des Typs F-35 nieder, die Atomwaffen tragen könnten. Die nukleare Abschreckung der Nato müsse glaubwürdig bleiben, sagte Baerbock, und das Bündnis müsse seine Präsenz in den stark gefährdeten Staaten an seiner Ostflanke verstärken.
Deutschland will die militärische Zusammenarbeit insbesondere innerhalb der Europäischen Union fördern. Doch oft stehen unterschiedliche Traditionen im Weg, so Christoph Heusgen, Präsident der Münchner Sicherheitskonferenz. In der auf Baerbocks Rede folgenden Debatte wies er darauf hin, dass Deutschland in der Rüstungskooperation mit Frankreich keine eigenen starren Kriterien aufstellen könne, etwa in der Rüstungsexportpolitik.
nicht nur Waffen
Sicherheit basiert für Barbock aber nicht nur auf der Abwehrfähigkeit, die auch den Schutz vor Cyberangriffen beinhaltet. Die Bundesregierung hat einen erweiterten Sicherheitsbegriff vorgeschlagen. „Unverletzlichkeit des Lebens“ kann nicht nur durch Krieg bedroht werden. „Auch dort, wo die Folgen des Klimawandels, Hunger, Armut und Mangel an Wohlstand Menschen leiden lassen, gibt es keine Grundlage für ein sicheres Leben in Freiheit.“ Dazu muss die neue Sicherheitsstrategie verschiedene Ministerien sowie Experten und die Zivilgesellschaft vernetzen.
„Die Klimakrise ist die sicherheitspolitische Herausforderung unserer Zeit“, betonte Baerbock. Und er fügt hinzu, aus diesem Grund sei es auch wichtig, auf fossile Energiequellen, insbesondere aus Russland, zu verzichten.
Chinesische Herausforderung
Die Bundesregierung koordiniert ihre Außenpolitik in der Regel auf europäischer Ebene. Anders bei der in der EU als höchst kritisch eingestuften Gaspipeline Nordstream 2 zwischen Russland und Deutschland. Bundeskanzler Olaf Scholz hat nun in einer Rede vor der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung erklärt, dass alles, was als eine bestimmte deutsche Linie gilt, insbesondere gegenüber Russland, „uns schadet, unsere Sicherheit gefährdet und Europa gefährdet .“
Die Sicherheitsstrategie bezieht sich jedoch nicht nur auf Europa. Annalena Baerbock deutet an, dass China die eigentliche Herausforderung der Zukunft sein könnte. Aufgrund seiner Erfahrung als Diplomat weist Christoph Heusgen darauf hin, dass China in allen Teilen der Welt Länder mit Entwicklungsprojekten besiegt, um Peking in die UN-Generalversammlung zu wählen. Und er wies darauf hin, dass Deutschland auf möglichst viele Länder zugehen sollte, auch auf all jene, die eine „regelbasierte internationale Ordnung“ befürworten.
Die nationale Sicherheitsstrategie betrifft nicht nur den Bereich der Regierung. Die liberale Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann findet es daher notwendig, der deutschen Bevölkerung zu erklären, dass auch sie mit „Ausfällen“ rechnen kann und erwähnt, dass der Auftakt hohe Spritpreise seien: „Es gibt keine Versicherung gegen alle Risiken. Wir müssen vorbereitet sein zu anderen Zeiten.“
(ers/rml)



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